Kostümfilmgeschichte – Adrians „Marie Antoinette“

© Academy of Motion Picture Arts and Sciences, MGM CollectionEin Film der den französischen Hof zur Zeit des Ancien Regimes zeigt, sollte immer eine Ausstattungsorgie sein, denn damals wurde in puncto Glanz und Gloria bekanntlich mächtig geklotzt. Nicht umsonst wurde die französische höfische Kultur und ihr Mittelpunkt – das Schloss Versailles – zum Vorbild und Maßstab für europäische Prachtentfaltung und Herrschaftsauffassungen. Bei den Hollywood Studios MGM gab es bereits 1933 erste Pläne zur Verfilmung der Geschichte um die französische Königin Marie Antoinette und eine mehrjährige Vorproduktion verschlang für damalige Zeiten unglaubliche 400.000 Dollar. Unter anderem reiste der Kostümdesigner Adrian – der damals einflussreichste und kreativste Hollywood Designer – nach Österreich und Frankreich, um vor Ort zu recherchieren. Unmengen von Seide sowie Gold- und Silberspitzen wurden gekauft, denn Adrian kam zu dem Schluss, dass „geschichtlich gesehen die Frauenkleidung nie aufwendiger war, als zu Zeiten Marie Antoinettes“.  Bis zum Sommer 1937 hatten die MGM Studios 59.277 Dokumente und Daten zu historischen Persönlichkeiten, deren Sprache, Kostümen, und Ausstattungen gesammelt. Insgesamt wurden 1.538 Bücher, 10.615 Fotografien, Gemälde und Zeichnungen sowie 5.000 Seiten ungebundener Manuskripte geprüft.

Kostüm für Madame du Barry

Adrian konzentrierte sich auf die bekannten Gemälde von Vigee-Lebrun. Viele seiner Designs für den Film basierten auf diesen Gemälden, mit Mikroskopen untersuchte man die Darstellungen von Verzierungen, Stickereien und Applikationen. Um dem Dekor der Stoffe auf den Gemälden zu entsprechen, wurde diese originalgetreu nachgewebt.  Adrian beschäftigte mehrere Damen, die allein für die Applikationen und Verzierungen zuständig waren und Tag und Nacht stickten, oftmals in so feiner Ausarbeitung, dass nur mit Hilfe von Vergrößerungsgläsern gearbeitet werden konnte.

Das Hochzeitskleid

Norma Shearer trug 34 Kostüme als Marie Antoinette, mit einem Gesamtgewicht (der Kostüme!) von über 800 Kilogramm. Das schwerste dieser Kleider, das Hochzeitskleid, wog allein 54 kg, bestehend aus mehr als 500 yards weißem Satin, tausenfach bestickt mit hand-verzierten Silberlilien, umringt von kleinen Kunstperlen. Bei allen Reifrock-Kostümen wurde das Panier nicht auf den Hüften befestigt, sondern am Kleid selbst befestigt, so dass das gesamte Gewicht auf den Schultern lastete anstatt auf der Hüfte.

Die Ankunft in Versailles

Adrians Designs standen im Zentrum der Aufmerksamkeit, selbst die aufwendigen Kulissen von Cedric Gibbons konnten die Extravaganz der Kostüme nicht übertreffen. Die dramatische Kurve der Geschichte um Marie Antoinette wurde durch das Design anschaulich unterstichen: Bei der Ankunft am Hof von Versailles trägt Norma Shearer ein Seidenkleid, handbemalt mit Frühlingsblumen und gerüschten Volants, auf dem Kopf einen großen Strohhut tragend.

Die Königin hat ein Geheimnis

Der Besuch der Dauphine in Paris sowie ihr Aufstieg zur ersten und glamourösesten Dame des Hofes ist gekennzeichnet von zunehmend raffinierten und aufwendigeren Verzierungen der Roben. Als Königin, heimlich verliebt in Graf Axel von Fersen, spiegelt ein voluminöser Seidenmantel mit Pelzbesatz die Last, die auf ihren Schultern ruht.*

Trotz der aufwendigen Recherchen und immensen Kosten – oder gerade deswegen – waren die Kostüme letztlich nicht historisch korrekt, sondern glichen eher prunkvollen Fantasien. Adrian setzte sich übrigens im Jahr 1948 zur Ruhe, genau in diesem Jahr stiftete die Academy of Motion Picture Arts and Sciences den ersten Oscar für das beste Kostümdesign, folglich hat Adrian nie eine der heute so begehrten Statuen erhalten.

*Alle bis zu diesem Punkt genannten Fakten sind dem Buch Gowns by Adrian – The MGM years 1928-1941 von Howard Gutner entnommen.

2 Kommentare zu “Kostümfilmgeschichte – Adrians „Marie Antoinette“

  1. juli sagt:

    uhh. danke für den buchtipp, das kommt gleich mal auf die wunschliste. stammen die bilder auch aus dem buch, und gibt es derartiges auch zu anderen kostümdesignern? schätze, dass ist eher deine fachliteratur und hoffe, dass du noch ein paar titel in petto hast. was den rest angeht: sieht so aus, als müßte der film unbedingt mal restauriert werden, am besten in HD ^^ leider gibt es zumindest in deutschland den alten film noch nichtmal (immer noch nicht!!!) als stinknormale DVD :o(

  2. Tinka sagt:

    Hallo ; )
    Die Bilder sind nicht aus dem Buch, das obere ist zwar auch darin, aber ansonsten sind dort andere (teilweise in Farbe) versammelt. Insgesamt ist der Teil über Marie Antoinette natürlich nur ein kleiner Beitrag des gesamten Werkes, es gibt aber auch Massen von Infos über Adrians Kostüme für die Garbo, die ja fast ausschließlich in historischer oder sehr fantasievoller Klamotte unterwegs war. Vielleicht kann ich dazu auch noch was posten.
    Wegen der Kostümdesigner: Schau mal in diesen Blog http://www.silverscreenmodiste.com/ Der Autor hat auch ein Buch über Adrian geschrieben.
    LG!

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